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The Harp & Hobbit
Die Beatles auf der Harfe? – Das dürfte einige hochgezogene Augenbrauen provozieren, vor allem unter authentizitätsbedachten Klassik-Hörern. Aber in Wahrheit war die Harfe immer viel eher ein „Pop“- Instrument, als daß sie in der sogenannten „Kunstmusik“ eine besonders große Rolle gespielt hätte - zumindest in der europäischen klassischen Tradition.
Das Repertoire der „offiziellen“ modernen Pedalharfe beschränkt sich meist darauf, im spätromantischen Symphonieorchester hier und da ein paar Farbtupfer zu setzen. Die Sololiteratur besteht vorwiegend aus Salonstücken, die endlos dieselben lautmalerischen Themen wiederholen: Rieselnde Bäche, rauschende Blätter, tanzende Irrlichter, irrlichternde Elfen … Ganz selten einmal hat sich einer der „großen“ Komponisten herabgelassen, für die Harfe zu schreiben – da die wenigste von ihnen eigenhändige Erfahrung mit dem Instrument und seinen Möglichkeiten hatten, gehören diese Stücke oft nicht gerade zu den hervorragendsten Werken ihres Schöpfers.
Blickt man jedoch tiefer, schaut man an den „großen Männern“ und „erhabenen Kunstwerken“ vorbei, so tut sich ein erstaunlicher Reichtum auf und eine Vielfalt, wie sie wenige andere Instrumente zu bieten haben. Und das ist kein Wunder, denn schließlich gehört die Harfe zu den ältesten Musikinstrumenten der Menschheit. Ausgrabungen im Zweistromland förderten die Spuren von Harfen zutage, die über 5000 Jahre alt sind. Abbildungen von Harfenspielern zieren nicht nur ägyptische Grabkammern, sondern auch indische Tempel. Von Westafrika bis Burma findet man Instrumente, die unter dem Namen „Harfe“ zusammengefasst werden, obwohl die Formen und Bauweisen natürlich sehr unterschiedlich sind. Die Spanier machten das Instrument im 16. und 17. Jahrhundert in Lateinamerika heimisch, wo es bis heute eine prominente Rolle in der populären Musik spielt. Und um die keltische Harfentradition der Barden ranken sich Legenden und Klischees, die gerade heute wieder viele Menschen inspirieren. Die vielen Harfenspieler, die sich in der Folk- und Mittelalterszene tummeln, legen davon beredtes Zeugnis ab.
Überhaupt Klischees: Gerade um die Harfe ranken sie sich ja in geradezu erdrückender Zahl. Vom süßen Engelchen mit Flügelchen bis zum wind- und wetterzerzausten Barden, von zartbesaiteten Feenwesen und blassen höheren Fräuleins bis hin zu lasziven Männerfantasien – wenig realistisch ist das Bild, das sich die meisten Menschen von der Harfe und denen, die sie spielen, machen. Das geht so weit, dass viele Leute erstaunt und verunsichert reagieren, wenn sie einem Harfenisten oder einer Harfenistin aus Fleisch und Blut gegenüberstehen und feststellen müssen dass es sich dabei tatsächlich um ganz normale Menschen handelt!
So festgefahren scheint die Assoziation der Harfe mit unirdischen Fantasiewesen und mythischen Alten Zeiten zu sein, dass man der Harfe am ehesten noch in der fantastischen Literatur, in Märchenfilmen und auf Bildern begegnet, die ein idealisiertes Mittelalter oder eine Fabelwelt darstellen. In den Büchern J.R.R: Tolkiens zum Beispiel, des Altmeisters des Fantasy-Romans, dürfte die Harfe das am häufigsten erwähnte Instrument sein. Elfen und Zwerge und heroische Menschen aus grauer Vorzeit rühren hier die silbernen Seiten, Zauberharfen gibt es da die sich selbst nach langen Jahrzehnten in einer Drachenhöhle nicht verstimmen – eine Vorstellung die einem echten Harfenisten nur ein müdes Lächeln abringen kann! Bezeichnenderweise sind die einzigen Bewohner Mittelerdes, denen keine Kunstfertigkeit im Harfenspiel nachgesagt wird, die bodenständigen Hobbits – menschenähnliche Wesen aber von zwergenhafter Größe, naturverbunden und den einfachen Freuden des Lebens zugetan: Essen, Trinken, Pfeife rauchen, Lieder singen, und gute Gesellschaft. Meiner Erfahrung nach haben allerdings die meisten Harfenisten, die ihr Instrument ernst nehmen und nicht nur als Attribut ihrer Eitelkeit betrachten, allerdings viel mehr mit den Hobbits gemein als mit Elfen oder heldenhaften Kriegern! Den Hobbits ist denn auch mein Medley von Motiven und Melodien aus Howard Shores Filmmusik zu der hervorragenden jüngsten Verfilmung des „Herrn der Ringe“ gewidmet – ein persönliches Anliegen, denn in gewisser Weise ist dieser Film die Ursache, dass die Idee zu meinem neuen Programm und meiner CD-Aufnahme entstand. Und Arragenments von populären Schlagermelodien – früher aus der Oper, heute aus Musical oder Film oder dem Radio – ist schließlich gute alte Harfenisten-Tradition.
Aber zurück zu den Klischees: Auch den mittelalterlichen Troubadors und Trouveres wird gerne eine Harfe angedichtet – eigentlich ist das wohl falsch, denn die Trouveres, oft Angehörige des Adels, waren in erster Linie Dichter, die sich mit so etwas vulgärem wie dem Spiel von Musikinstrumenten wohl kaum abgaben. Ähnlich wie heute die Songwriter und Pop-Poeten benutzten sie die Musik als Vehikel, um ihre Texte „rüberzubringen“. Vermutlich spielten Instrumente bei dem Vortrag ihrer Lieder eine eher geringe Rolle. Blondels Lied „Amour dont sui espris“ gehört zu den ersten echten Schlagern der europäischen Musikgeschichte – nicht nur ist die Melodie in einer ganz ungewöhnlich großen Anzahl von Manuskripten überliefert – ein Gradmesser für die Popularität und die weite Verbreitung des Liedes: es existieren auch zahlreiche Bearbeitungen und Kontrafakte, Fassungen mit anderem Text und sogar mehrstimmige Versionen – zum Beispiel das Stück „Procurans Odium“ aus der berühmten Sammlung der „Carmina Burana“.
Neben den Trouveres des hohen Mittelalters sind es vor allem die irischen Barden, die als romantische Gestalten mit ihrer Harfe auf dem Rücken die Landschaften der Fantasie durchstreifen. In diesem Fall ist das Bild allerdings historisch korrekter: Die keltische Tradition hielt die Harfenspieler in hohen Ehren, sie waren in der Regel am Königshof oder bei einem Edelmann angestellt, und ihre Aufgabe bestand darin, ihren Brotgeber mit Preisliedern zu bedienen, aber auch geschichtliche Ereignisse mündlich weiterzugeben. Übrigens erfüllten sie damit genau dieselben Funktionen wie es bis heute die westafrikanischen Kora-Spieler tun – die Kora ist eine Bogenharfe, im Prinzip den Instrumenten ähnlich, die man auf altägyptischen Abbildungen findet. Die hochkomplexe mehrstimmige Musik, die auf diesen Instrumenten gespielt wird, dient meist dazu, Gesänge oder Rezitationen zu begleiten.
Einer der letzten Höhepunkte der irischen Harfentradition ist die Musik des blinden Barden Turlough O’Carolan, der im 18. Jahrhundert lebte. Keineswegs ein Purist, ließ er sich auch von der damals populären Musik im italienischen Barockstil beeinflussen, wie viele seiner Stücke zeigen.
Ebenfalls ein begeisterter Verfechter des italienischen Opernstils war Georg Friedrich Händel. Im frühen 18. Jahrhundert wurde die italienische Oper in ganz Europa populär, sie waar damals in etwa das., was heute Rock und Pop sind, inklusive Starkult und Traumgagen für die gefragtesten Sänger. Händel war ein musikalischer Weltbürger wie vielleicht niemand vor ihm und nur wenige nach ihm. Als junger Mann lernte er den italienischen Opernstil während eines zweijährigen Italienaufenthalts aus erster Hand kennen; eine Großteil seine Lebens verbrachte er damit, zu versuchen, die Oper in seiner Wahlheimat London heimisch zu machen. Das Unterfangen trieb ihn wiederholt in den Bankrott und kostete ihn letztendlich seine Gesundheit, doch verdanken wir Händel eine ganze Reihe der schönsten Opernmusiken, die je geschrieben wurden.
Händel war jedoch nicht ausschließlich auf den italienischen Stil fixiert, im Gegenteil scheint er bemüht gewesen zu sein, sich in so vielen Musikstilen wie möglich heimisch zu machen. Viel von seiner Instrumentalmusik zeigt eher französische Anklänge, selbst den spanischen Musikstil versuchte er zu imitieren – ein Stil der damals außerhalb von Spanien wohl recht exotisch gewirkt haben muss. In London kam Händel auch in Kontakt mit Harfenspielern aus Wales – ebenfalls keltischen Ursprungs, waren die Waliser ebenso wie die Iren berühmt für ihr Harfenspiel. Dieser Tatsache verdanken wir unter anderem das bekannte Harfenkonzert in B-Dur, sowie einige Harfenpartien in Händels Opern und Oratorien.
Allerdings hat Händel die Harfe wohl nicht erst in London kennen gelernt – in seiner Heimat in Sachsen gab es im 17. und frühen 18. Jahrhundert ebenfalls eine lebendige Harfentradition. Verschiedene Komponisten dieser Zeit werwendeten die Harfe in ihren Kompositionen, darunter Händels Lehrer Friedrich Wilhelm Zachow, der eine Kantate mit obligater Harfe schrieb.
Eine umfangreiche handschriftliche, anonyme Sammlungen von Harfenmusik stammt aus Leipzig, aus dem Jahre 1719 – etwa zu der Zeit als Johann Sebastian Bach dort Thomaskantor war. Die Sammlung enthält die Popmusik der Bach-Zeit, Menuette und andere Tänze, aber auch Bearbeitung populärere Arien wie das französische „Aimable Vainqueur“. Im Stil gleichen diese Stücke denen die in Anna Magdalena Bachs berühmten Notenbüchlein enthalten sind. Ebenso wie dieses ist die Rüstkammer eine Sammlung populärer Stücke für den Hausgebrauch - ganz genau so wie man heutzutage Filmsongs und Popschlager in einfachen Klavier- oder Gitarrenbearbeitungen zum Nachspielen zu kaufen sind. Wo ist denn der wesentliche Unterschied zwischen einem Stück wie „Aimable Vainqueur“ und der Bearbeitung von Alan Menkens Titelsong zu Walt Disneys Zeichentrickfilm „Beauty and the Beast“? Sogar die Tonart ist dieselbe, ein unanspruchsvolles F-Dur.
Wenig bekannt dürfte die Tatsache sein, dass die Harfe auch in Spanien eine sehr prominente Rolle spielte, besonders während der späten Renaissance des Barock. Zum einen war die Harfe neben der Gitarre fester Bestandteil von Tanzmusik-Bands und den damals sehr populären Theatertruppen - zum anderen fand sie aber auch in der Kirche und in geistlichen Prozessionen Verwendung, als billiger und transportabler Ersatz für die Orgel.
Antonio de Cabezon war der Lieblingsorganist des spanischen Königs Philipp II – bekannt vor allem als finsterer Bösewicht aus Schillers „Don Carlos“. Die Sammlung seiner Musik trägt den Titel „Musikalische Werke für Tasteninstrumente, Harfe und Vihuela“. Viele dieser Stücke sind Variationen über bekannte Vokalkompositionen oder über die in der spanischen Musik allgegenwärtigen und allgemein bekannten ostinaten Bässe – so auch „La Dama le demanda“, ein Pavanenthema das dem bekannten „Bele qwue tiens ma vie“ von Thoinot Arbeau ähnelt.
Diego Fernandez de Huete, etwa 150 Jahre später geboren als Cabezon, war lange Jahre Harfenist an der Kathedrale in Toledo. Er gab ein umfangreiches Lehrwerk heraus, das sowohl weltliche wie geistliche Harfenmusik beinhaltet. Die „Passacalles“ entstammen dem Teil seiner Sammlung, die der Kirchenmusik gewidmet ist. Lucas Ruiz de Ribayaz war ein musikliebender Mönch – unter derm Titel „Luz y Norte Musical“ veröffentlichte er eine Sammlung populärer Tänze für Harfe und Gitarre, die sich vor alem and musikalische Laien wendet. Von hier aus ist der Schritt gar nicht mehr weit zu den komplizierten Rhythmen der lateinamerikanischen Musik – in Lateinamerika findet man bis heute Bandas bestehend aus einer Harfe, einer großen Trommel und mehreren Gitarren in verschiedenen Größen.
Von Spanien aus verbrietete sich das Harfenspiel nicht nur nach Amerika – auch in Neapel, das lange Zeit unter spanischer Herrschaft stand, blühte um 1600 eine virtuose Tradition des Harfenspiels. Die „Toccata seconda“ von Giovanni Maria Trabaci ist ein eindrucksvolles Beispiel für den jazzigen Stil der italienischen Instrumentalmusik in dieser Phase des Umbruches vom strengen Kontrapunkt der Renaissance zu den harmonischen Exzessen gerade des frühen Barock.
Und die Beatles? Nun ja, in gewisser Weise vereint die Popmusik des 20. Jahrhunderts ja alle diese Einflüsse, lateinamerikanische mit keltischen Melodien, europäische Harmonik mit den Rhythmen Afrikas. Der Einfluss Afrikas auf die populäre Musik in Europa fängt allerdings nicht erst mit dem Jazz und Blues des frühen 20. Jahrhunderts an - in der spanischen Sammlung von Ruiz de Ribayaz, die im Jahre 1677 veröffentlicht wurde, finden sich neben irtalienischen Renaissancetänzen und den iberischen „Klassikern“ wie den Folias und Las Vacas auch einige Tänze mit Titeln wie „Zarambeques“, Zarabandas“, „Canarios“, „Chaconas“, „Marionas“ – Stücke die in starkem Maße an die Musik der westafrikanischen Koraspieler erinnern, und die wohl mit den afrikanischen Sklaven ins Land kamen, die die Spanier nicht nur nach Amerika verschifften, sondern auch ins eigene Land. Und schon damals rief diese Musik mit ihren heißen Rhythmen und den damit einhergehenden lasziven Tänzen genau dieselben schockierten Kommentare und moralische Entrüstung hervor wie in jüngerer Zeit der Jazz oder der Rock’n’Roll. Und genau wie sich der Blues und einige Jazz-Standards durch die gesamte Geschichte der Pop- und Rockmusik ziehen und ab und zu sogar von „klassischen“ Komponisten aufgegriffen werden, so fanden auch Chaconne und Sarabande letztendlich den Weg in die „gehobene Kunstmusik“ eines Johann Sebastian Bach, ja sogar eines Johannes Brahms – allerdings in einer Form, die nichts mehr von ihren Ursprüngen als ausgelassene Tanzmusik der Ärmsten der Armen vermuten lässt.
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last updated: 14 March, 2004